Noch einmal Haydn hören - und ein wenig mehr
Es ist bei dieser Gelegenheit an der Zeit, Vertretern der Kunst und der Medien freundlich die Leviten zu lesen. Joseph Haydn und sein immenser kompositorischer Nachlass sind seit gut drei Jahrzehnten in der abendländischen Musikwelt sozusagen integriert: Aber auch über die kontinentalen Landesgrenzen hinaus sind viele seiner Werke fester Bestandteil des öffentlichen und des veröffentlichten Musiklebens. Ich denke hier an die jüngst erschienenen CD-Ausgaben aus dem amerikanischen Konzertgeschehen der Nachkriegszeit mit Interpretationen so bedeutender Dirigenten wie Charles Munch, Pierre Monteux oder George Szell. Und dennoch spricht Nikolaus Harnoncourt – einem der wichtigsten und erfolgreichsten Haydn-Protagonisten! – nach wie vor vom „unterschätzten Haydn“, titelt das Fernsehen ein Haydn-Porträt mit der Klischee-stabilisierenden Formulierung „Das verkannte Genie“. Haydn Erfolge, sein Rang unter, bzw. über den Autoren seiner Zeit, seine Triumphe in England, seine ökonomische Bilanz – all dies sind Belege für breit gefächerte Anerkennung. Natürlich lassen sich Hörer- und Wissenschaftskreise namhaft machen, die Haydns Musik in manchen, vielleicht sogar in allen Facetten abgelehnt haben, ein generalisierendes Attest jedoch mit der Pointe des „verkannten Genies“ sollte keinem Produzenten und keiner öffentlich-rechtlichen Anstalt mehr über die medialen Lippen kommen.
Zwei Haydn-Einspielungen haben mich – ich gebe es mit Freuden zu – hellauf begeistert. Zum einen die beiden Cellokonzerte mit dem Solisten Nicolas Altstaedt und einer bisweilen verwegen, farblich und rhythmisch ebenso klug wie entfesselt aufspielenden Kammerakademie Potsdam, deren Leiter Michael Sanderling den Beweis erbringt, das sich auch im weiteren Umkreis der Hauptstadt Berlin so manches auf höchster Instrumentalebene ereignet. Altstaedt macht mit diesen beiden Stücken im besten Sinne Ernst, verleiht den Ecksätzen mit brillanter Technik Fahrt und sinnerfüllte Lebendigkeit. Er lässt sein Instrument sprechen, sprühen, wenn nötig auch einmal grunzen. Als ich die Genuin-Einspielung hörte wurde via ORF am selben Tag auch aus Wien die Aufführung mit Clemens Hagen und den Wiener Philharmonikern unter Harnoncourt gesendet (Hob.VIIb/1) – um einiges blasser im Temperament und problematisch im Bereich der auswuchernden, rumorenden, vertrackt und bemüht heutig angelegten Kopfsatz-Kadenz von Georg Friedrich Haas. [… ]
Peter Cossé