Dem Licht Leben eingehaucht
Großartig: "Der Untergang des Hauses Usher" im Schlosstheater Potsdam
Was könnte im Schlosstheater Potsdam, wo man Sänger und Orchester wie in einer Puppenbühne direkt vor der Nase hat, schöner sein, als sich an den empfindsamen Seelenergießungen einer frühklassischen Oper zu erfreuen? Die Antwort lautet nach diesem Abend: Sich von den ironischen Brechungen des Edelschauerkitsches, in welchem Philip Glass 1988 den “Untergang des Hauses Usher“ von Edgar Allen Poe angerichtet hat, die Nackenhaare sträuben zu lassen. Der Stoff, dem auch Claude Debussy in zehnjährigem Scheitern verfallen war, bot Glass inmitten seiner stattlichen Reihe von Bühnenwerken nicht nur das Futter für seinen soundsovielten Zusammenschnitt austauschbarer Dreiklangsmuster, sondern gab auch Anlass zu allerlei Schauerklängen, die besonders wirkungsvoll zur fassadenhaften Dreiklangseinfalt kontrastieren.
Hochstilisierter Horror
Die psychologischen Strategien, mit denen Glass‘ Musik das Hören in der Mechanik repetitiver Muster ebenso konditioniert wie durch minimale Veränderungen aufschreckt, liegen hier fast selbstreflexiv offen. Die sentimentalen Wendungen, mit deren Überblendungen er die abstraktere frühe minimal music zur coolen Variante eines kulinarischen Musiktheaters umschmiedete, werden hier besonders effektvoll als Erzählfiguren eingesetzt. Der Abgrund, der im Trivialen lauert, öffnet sich fast wie bei Offenbach.
Schon das dumpfe Klopfen, das Williams Ankunft im verwunschenen Haus seines Jugendfreundes Roderick und dessen Schwester ankündigt, vervielfältigt sich im Orchester zu einer Geste des Schreckens, die das süße Seelenweben einer wiederbeschworenen Freundschaft zerstört. Gar nicht satthören kann und soll man sich nach dem Willen des Komponisten an jener an sich banalen Ausweichung vom Dreiklangsgewaber in die kleine Sexte, die später, nach dem Tod Madelines, die Musik immer wieder in einem Bild der Erstarrung festhält. Luftzüge im finsteren Gemäuer, das, wie der Hausherr später wähnt, “ganz aus Grabsteinen“ gebaut ist, wehen als Hauch einer Klarinettenfigur durch die brüchige Klangtapete hindurch. Und die Geräusche aus dem Grab der noch lebendigen Madeline kontrapunktieren im Schlagzeug als hochstilisierter Horror die Erinnerung an die Jugendspiele der beiden Freunde.
Natürlich lässt Glass das Musikalische an Poes Erzählung auch auf einer mehr äußerlichen Ebene nicht aus. Wenn William als Gastgeschenk eine Spieldose überreicht, verwandelt sich das Klanggeschehen gänzlich zum niedlich abgespulten Uhrwerksklang, für den beschenkten Roderick ein Moment des Entsetzens, da die sich umarmenden Figuren auf dem Deckel unheilvolle Erinnerungen wecken. Und schließlich, beim Einsturz des Hauses, verlässt die Musik zum einzigen Mal ebenso die Illusion festgehaltener Zeit wie edler harmonischer Einfalt, bringt Philip Glass auf verblüffend trickreiche Weise sein eigenes Idiom ins Wanken.
Die hinterhältige Simplizität der Musik verlangt von den Musikern eine ganz eigene Virtuosität, um das Schlichteste mit äußerster Präzision darzustellen. Schwierig auch die Gratwanderung zwischen Expressivität und objektiver Vorstellung der sich übereinander schichtenden Formeln. In beiderlei Hinsicht war es ein großartiger Abend.
Unheimliche Untote
Unter Michael Sanderlings Leitung spielte die Kammerakademie Potsdam nicht nur mit hinreißendem Schwung und glasklarer Genauigkeit, sondern auch mit einer Feinheit des Ausdrucks, die in dieser Trümmerhalde musikalischer Figuren die einzelnen Bruchstücke als unheimliche Untote der Musikgeschichte wieder zum Sprechen brachte. Eine vergleichbar vielschichtige Darstellung gelang den Sängern dieser Produktion nicht - kann vielleicht auch gar nicht gelingen, weil der Widerspruch zwischen Verkörperung einer Rolle und konstruktiver Abstraktion der Partie bei Glass einfach offen klafft.
Die Inszenierung Achim Freyers setzte auch genau hier an, mit einer Verdoppelung der Rollen in Pantomimen und Sängern, die auf der gänzlich schwarzen Bühne und schwarz gewandet zumeist nur als weiße singende Köpfe, wie einst Orpheus‘ Haupt äuf den Wellen, in Erscheinung traten. Auf sehr entspannte, aber gleichwohl präzise Art spielt Freyer hier noch einmal mit all den Elementen seiner jahrzehntelangen Musiktheaterpraxis, haucht dem Licht Leben ein, lässt Hände sprechen, zaubert mit einer minimalistischen Dingwelt. Er ist ein Opernregisseur, dessen Werk wirklich aus der Liebe zur Musik entspringt, sie leuchten lässt, mal rätselhaft, mal klar. Und sie dankt es ihm an diesem Abend reichlich.
Martin Wilkening