Gastspielreise an den Bosporus
Mit den Jussen Brüdern beim Istanbul Music Festival
36 Stunden mit intensiver Probenarbeit, einem begeisterten Publikum, faszinierenden Erkundungstouren und einem Hauch Starkult im Backstage-Bereich
Es gibt sie, die Gastspiele, die alles in sich vereinen: große Anstrengung, musikalische Glücksgefühle und touristische Einblicke in eine neue Stadt – und das alles in knapp 36 Stunden.
Unser Gastspiel beim Istanbul Music Festival war so ein Fall: Nachdem die Proben in unserem Heimprobenort Nikolaisaal und im Bechstein-Saal in Berlin bereits durchblicken ließen, dass es eine fruchtbare und entspannte Zusammenarbeit mit den Solisten Arthur und Lucas Jussen werden würde, ging es an einem Sonntagnachmittag los.
Wenn ein Orchester fliegt…
Wenn ein Orchester fliegt, gibt es allerlei kleine Sorgenmomente – dürfen die Instrumente alle mit ins Handgepäck? Haben die Celli ihren eigenen Platz? Doch tatsächlich klappte alles gut, und als wir wenige Stunden später im Landeanflug über Istanbul waren, konnte man sie schon sehen: die Stadt, die – geteilt durch den Bosporus – Asien und Europa gleichermaßen in sich trägt und von oben ihre beeindruckende Größe in beide Landstriche hinein verrät.
Kaum im Hotel, zog es die meisten dann auch zu einer abendlichen Erkundungstour in die Altstadt hinaus. Manche hatten trotz Abendsonne noch Energie für die Besteigung des Galata-Turms, andere zog es zum Beobachten des Sonnenuntergangs auf eine der vielen traumhaften Dachterrassen der Stadt. Beim späteren Abendspaziergang durch die Altstadt kreisten die Möwen über dem zentralen Platz von Sultanahmed – dem historischen Zentrum, das die Dichte des kulturellen Lebens Istanbuls exemplarisch zeigt, mit der Blauen Moschee im Süden und der prachtvoll thronenden Hagia Sophia im Nordosten. Ein fast schon magischer Moment, diesen tagsüber so vollen Platz nur mit den Möwen teilen zu dürfen.
Der nächste Morgen war dann der einzige freie Slot des Orchesters während dieses kurzen Gastspiels – üben, entspannt frühstücken oder noch ein bisschen Sightseeing? Eine Gruppe schaffte im Schnelldurchlauf noch die Besichtigung der Hagia Sophia, der Guide wurde kurzerhand zum abendlichen Konzert eingeladen, und dann ging es zur Probe.
Zu Gast im Atatürk Cultural Center
Das eindrucksvolle Atatürk Cultural Center liegt direkt am Taksim-Platz und ist Spielort des renommierten Istanbul Music Festivals, bei dem die KAP am Abend mit den Jussen-Brüdern zu Gast war. Der holzvertäfelte Saal, elegant und mit transparenter, wenn auch trockener Akustik, schien bereits in freudiger Erwartung des Programms. Auch die Generalprobe verlief gut, die Jussens gaben bestens aufgelegt noch ein Interview und machten ihre Freude darüber deutlich, mit einem so „flexiblen und hochmusikalischen Klangkörper“ wie der KAP zu spielen.
Und dann: der Hauptakt, das Konzert. Eröffnet allein von der KAP mit Haydns Sinfonie Nr. 64 A-Dur „Tempora mutantur“, war sofort eine aufmerksame, gespannte Stimmung im Saal mit gut 800 Plätzen spürbar. Das Istanbuler Publikum begrüßte das Orchester herzlich, zeigte sich sichtlich fasziniert von der großen Virtuosität der Jussen-Brüder in Maurice Ravels „La Valse“ für zwei Klaviere und feierte schließlich fast frenetisch das Finale des Konzerts: Mozarts Konzert für zwei Klaviere Nr. 10. Was für ein Abend, was für ein Applaus! Die Jussen-Brüder beschlossen das Konzert dann noch einmal fast intim – mit einer Zugabe von Bachs „Schafe können sicher weiden“.
Starfaktor im Backstage-Bereich
Hinter der Bühne dann der übliche Trubel: Gratulationen und merklich viele Fans von Lucas und Arthur, die für ein Autogramm oder ein kurzes Gespräch kamen. Echter Starfaktor eben. Die Musiker*innen der KAP waren sichtlich gelöst und froh über den musikalisch so geglückten Abend und streunten noch hinaus in den Istanbuler Abend – für ein letztes Getränk oder einen letzten Spaziergang am Bosporus.
Dass der Bus am nächsten Morgen schon um 6 Uhr zur Rückreise bereitstehen würde, wurde dabei kurz ausgeblendet. Es überwog die Freude darüber, an so magischen Orten spielen zu dürfen und die KAP auch einem internationalen Publikum vorzustellen. Es war ein „Match“: mit den Jussen-Brüdern, mit dem Istanbul Music Festival, mit dem begeisterungsfähigen Publikum und mit der Stadt.
Daher bleibt nur zu hoffen: auf bald, Istanbul!
Céline Couson