Rolando Villazón mit der Kammerakademie Potsdam in Chantilly
© Lyodoh Kaneko

Wenn Orchester reisen …

04. Juni 2026

Unser Gastspiel im Château de Chantilly mit Rolando Villazón und François Leleux

Es ist Freitagmorgen. Potsdam verabschiedet sein Orchester bei bestem Wetter und mit einem betörenden Fliederduft, fast so greifbar wie unsere Vorfreude. Wieso Abschied? Die KAP ist mal wieder unterwegs: Ein gemeinsames Gastspiel mit François Leleux und Rolando Villazón in Chantilly, der „Hauptstadt der Pferderennen“, steht an. Zum Flughafen reisen zwar alle einzeln an, aber das geübte Auge stellt ein erhöhtes Aufkommen an Instrumentenkoffern in den Zügen zum BER fest. Spätestens am Flughafen wird klar, dass hier ein Orchester in Bewegung ist… und sollte jemand das Gate für den Flug nach Paris nicht finden, kann man einfach den zwei verdächtigen Cellokästen folgen. Das Flughafenpersonal nimmt dann die letzte Sorge: Alle Instrumente passen ins Handgepäck – ein beliebter Stolperstein, wenn Orchester reisen. Lediglich die Kontrabässe sind auf den Transporter ausgewichen. Schnell noch die Celli anschnallen und schon geht es los.

Am Nachmittag fahren wir mit dem Bus in Chantilly ein, knapp 50 km nördlich von Paris. Die Sonne legt nochmal nach – ein gutes Vorzeichen und ein herzliches „Bienvenue“ für den ersten Besuch der KAP in der Schlossstadt. Als dann tatsächlich das Château vor den Busfenstern auftaucht, geht ein aufgeregtes Raunen durch den Bus. „Die Sonne scheint, alle sind in bester Stimmung. Das wird super,“ freut sich eine Geige über diese ersten Eindrücke. Also, ein Geiger freut sich, die Geige bleibt noch stumm. „Ist das weit vom Hotel? Können wir dahinlaufen?“ Meine Antwort, dass es ca. 20 Minuten dauert, ernüchtert dann etwas. Denn so schön all das ist – wir sind hier nicht im Urlaub.

Bienvenue im Schloss, ähm Pferdestall

Nach unserer Ankunft bleibt kaum Zeit zum Erholen: Um 19 Uhr wird die Probenarbeit, die in Potsdam begann, fortgesetzt und der Spielort besichtigt – und der hat es in sich. Wir spielen nicht im Château selbst, sondern im Marstall, les grands écuries. Ein Konzert in einem Stall zu spielen, ist bereits ungewöhnlich. Dass in diesem Stall aber tatsächlich noch Pferde, Esel und Mulis untergebracht sind, ist außergewöhnlich. Das Orchester freut sich sichtlich über diese unerwartete Zuhörendenschaft – und besucht in den Pausen gerne die Pferdeboxen. „Die ruhigen Charaktere der Pferde haben auf uns abgefärbt und am Ende zu unserer tollen Stimmung beigetragen.“ resümiert eine Cellistin.

Auch der Konzertsaal ist außergewöhnlich: Vorbei an den Pferdeboxen betreten wir die „Manege“. Die Bühne ist auf einem Sandplatz inmitten eines gewaltigen Kuppelbaus aufgestellt. Die dicken Steinmauern schirmen die Außenwelt ab und schaffen mit der Optik, der Akustik und dem Stallgeruch eine besondere Atmosphäre – wie ein Abtauchen in eine eigene Welt. Derweil kauen die Pferde ihr Stroh und zeigen sich vor den Proben recht unbeeindruckt, allen voran das Shetland-Pony Pedro.

Proben mit tierischer Begleitung

Mit Einsetzen der Musik entsteht im Marstall endgültig eine Parallelwelt. Leleux motiviert das Orchester, die klanglichen Herausforderungen der hohen Kuppel voll auszuspielen. Das Programm wechselt schnell zwischen Ruhe und Energie – eine weitere Herausforderung. Dennoch verlaufen die Proben ausgesprochen gut und bei den Arien mit Rolando hält es dann auch die Pferde nicht mehr im Zaun. Begeistert von einem imposanten Ton des Tenors erfüllt ein Wiehern den Konzertsaal – die Pferde wollen mitmachen. Sie geben ihr Bestes, können aber mit der Ausdruckskraft eines Rolando nicht mithalten. Sorry, Pedro.

Am nächsten Morgen ist die Stadt früh auf den Beinen, ein ereignisreicher Samstag steht an: ein Blumenmarkt im Schlosspark, die lange Nacht der Museen, in bester französischer Manier ist Markttag – und natürlich die Hauptattraktion: Die Konzertreihe „coups de cœur“, die Lieblingsstücke. Die Instrumente sind gestimmt und das „bouquet de Mozart“ wartet darauf, gespielt zu werden. Das Orchester macht sich auf den Weg Richtung Bühne – und wird gebremst: Es werden noch Reden gehalten. Das Backstage bleibt unberechenbar.

Ein erinnerungswürdiger Konzertabend

Dann beginnt endlich das Konzert und die klangliche Parallelwelt wird zur Realität. Die Ränge sind gefüllt, die Steinwände in ein sphärisch-blaues Licht getaucht und der Spot zentral auf die Bühne gerichtet. Das Konzert vergeht wie im Rausch und reißt das Publikum mit: In „L’horloge de flore“ (Jean Françaix) blüht ein spannender Dialog zwischen der Solo-Oboe und dem Orchester auf, der zwischenzeitlich an ein Ping-Pong-Spiel erinnert, so schnell antworten die Instrumente aufeinander. „La Passione“ von Haydn – eine von Leleux‘ liebsten Haydn-Sinfonien – zeigt sich zwischen Spannung und Aufbruch. Auch die Mozart-Sinfonie Nr. 29, die die KAP schon lange begleitet, klingt frisch und anders. „Eigentlich habe ich sie zu oft gespielt“, bemerkt ein Geiger, „aber François bringt eine völlig neue Perspektive auf das Werk ein. Lange empfand ich die Sinfonie sogar als abgespielt, aber jetzt hat es wieder großen Spaß gemacht, sie zu spielen.“

Als dann Rolando Villazón die Bühne betritt, sind wir sehr gespannt. Ist auf der Bühne genug Platz für drei Stars? Die schnelle Antwort: Ja! Das Zusammenspiel des kräftigen Tenors und des feinen Orchesterklangs, verbunden durch Leleux‘ Dirigat, begeistert. „Sie haben eine Art, das Publikum direkt zu fesseln, sie mitzunehmen und selbstbestimmt die Klassik unmittelbar und ohne Distanz erlebbar zu machen.“ Unter tosendem Applaus verlassen die Musiker*innen die Bühne.

Zum Feiern bleibt nicht viel Zeit: Sonntagmorgen ist bereits Abfahrt und Montag steht bereits das nächste Konzert in Potsdam an. Aber die Veranstalter*innen des „Coups de Cœur“ und François laden das Orchester noch auf einen Champagner ein. Denn bei aller Hektik, Konzerten und Arbeit muss die Zeit sein, einmalige Momente zu feiern. Dieses Gastspiel war ein solcher Moment – für Publikum und Orchester gleichermaßen.

Martin Thiele